Service statt Stückzahl

Herr Gierse wofür steht RS Components aktuell, und wofür soll das Unternehmen in drei bis fünf Jahren stehen?

Wir stehen für die Verbindung zwischen Herstellerwertschöpfung und Kundennutzen, getragen von technischem Knowhow und digitaler Unterstützung. Dieses Spannungsfeld wird sich weiterentwickeln, die Grundbausteine aber nicht. Ein großer Teil unseres Geschäfts steckt in der installierten Basis, im Bereich Wartung und Reparatur, und die wird auch in fünf Jahren noch überwiegend so betrieben wie heute. Bis zur Software Defined Factory wird es noch etwas dauern. Wichtige Punkte in unserer Weiterentwicklung sind die Fokussierung auf unsere Kundensegmente sowie der Ausbau unserer digitalen Services.

Das klingt kaum nach klassischem Distributor, eher nach Lösungsanbieter oder Engineering-Dienstleister.

Wir haben uns früh von der reinen physischen Verfügbarkeit wegentwickelt. Es geht im Wesentlichen um zwei Dinge: dem Kunden helfen, das Richtige zu finden – ob für Entwicklung, Reparatur oder Kleinserie – und dann verlässlich liefern, eher schneller als später. Das klingt trivial, erfordert aber Knowhow und unternehmerische Entscheidungen, etwa bei Inventory-Lösungen mit Beständen direkt beim Kunden.

Breites Sortiment, hohe Lieferfähigkeit, attraktiver Preis: Wie lösen Sie dieses Spannungsfeld?

An erster Stelle steht der Mehrwert, nicht der Preis. Der Preis muss zum Mehrwert passen, nicht umgekehrt. Das funktioniert hervorragend bei der Entwicklung sowie im Servicefall, wenn eine Anlage schnell wieder laufen muss. In anderen Segmenten funktioniert unser Modell bewusst nicht so gut, dort suchen sich Kunden andere Anbieter.

Wo sehen Sie noch Lücken im Portfolio oder in den digitalen Lösungen?

Da gibt es unfassbar viele. Einer unserer Unternehmenswerte heißt everyday better, und das ist Programm: Wir sprechen täglich mit Lieferanten und nehmen jeden Monat tausende Produkte neu ins Portfolio auf, streichen aber auch welche. Was heute fehlt, ist das, woran wir vor einem Monat noch nicht gearbeitet haben und wir machen es im nächsten Monat verfügbar. Das gilt für Technologie, etwa die KI-Suche im Webshop, sowie für unser europäisches Lagernetzwerk: Je nachdem, was dem Kunden mehr nutzt, konsolidieren wir eine Bestellung zu einem Paket oder liefern schneller aus mehreren Lägern.

Viele Distributoren sprechen von Mehrwert, Service und Digitalisierung. Was macht RS anders?

Der Fokus auf die Value Proposition rund um zentrale Use Cases wie F&E, Kleinserienfertigung, Wartung und Reparatur. Wir liefern den Kunden das was sie benötigen – und zwar schnell. Zudem bieten wir verschiedene digitale Tools zur Unterstützung sowie den gezielte Human Touch für ausgewählte Kunden. Durch diese Kombination sind wir in der Lage mit der Geschwindigkeit mitzuhalten, mit der sich diese Umfelder verändern, vom Singleboard-Computing in der Entwicklung bis zum Fachkräftemangel im Anlagenbetrieb.

Welche Rolle spielen KI und datengetriebene Services in Ihrer Strategie?

Durch unsere hohe digitale Affinität nutzen wir vielerorts Datenautomatisierung und KI, teils noch experimentell, teils schon weiterentwickelt. Auch unsere Kunden nutzen zunehmend KI-basierte Tools statt klassischer Suchmethoden. Das ist aber selbst in technischen Nischen noch nicht der Löwenanteil, weshalb konventionelle Suchwege weiter im Fokus bleiben.

Wo sehen Sie echten Kundennutzen im technischen Einkauf beim Thema Nachhaltigkeit?

Der Kundennutzen ist erheblich, etwa wenn ein Messgerät durch Rekalibrierung statt Neubeschaffung weiterläuft. Wichtig ist vor allem Transparenz: Unser Better-World-Portfolio umfasst Produkte, die nach messbaren Kriterien, etwa dem CO2-Ausstoß in der Produktion, technisch vergleichbare Alternativen mit besserer Ökobilanz sind. Zudem ist das Reduzieren des Energieverbrauchs oder eine Anlage weiterzubetreiben statt sie zu verschrotten, ökologisch sowie ökonomisch sinnvoll und oft schneller umsetzbar als ein Neubau. Entsprechende Auslegungstools, etwa für Motorleistung oder Leitungslängen, bieten wir nicht selbst an, dieses Knowhow erreichen unsere Kunden über unsere Partner und Lieferanten.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung für einen, wie Sie sagen, High-Service-Distributor wie RS?

Im Spannungsfeld zwischen klassischen und neuen Technologien wie Software Defined Factory. Damit verändern sich Monetarisierung und Wertschöpfung, nicht schlagartig, sondern über einen längeren Zeitraum, in dem alte und neue Modelle parallel existieren. In jedem Schritt dieser Entwicklung Mehrwert zu erzeugen, erfordert ständige Selbstüberprüfung. In der Rückschau wirkt der Weg folgerichtig, in der Vorausschau ist er ein breiter Optionsraum, den man mit Datenanalyse und Erfahrung immer neu kalibrieren muss. Anstrengend, aber es macht auch Spaß.

Wie unterstützen Sie Ihre Kunden sonst noch?

Unter anderem mit RS Integrated Supply. Das Tochterunternehmen hat sich auf Lagerhaltungs- und Beschaffungsdienstleistungen für Industriekunden spezialisiert. Auf Basis einer softwaregestützten Analyse optimiert es die Lieferketten im Bereich MRO (Maintenance, Repair and Operations) und garantiert eine Einsparung. Gerade für Unternehmen mit mehreren Standorten bieten sich dort große Einsparpotential, denn selbst gut organisierte Einkaufsabteilungen unterschätzen oft, wie komplex die Vorhersage von Materialbedarfen, die Reduzierung von Lagerbeständen und die Steigerung der Prozesseffizienz ist.