Komplexe Prozesse beherrschen

Das Unternehmen Moba hat im September 2012 das 40-jährige Jubiläum gefeiert. Was waren die wichtigsten technologischen Stationen in dieser Zeit?

Jurasz: Angefangen hat es mit dem Thema Straßenfertiger. Die erste wichtige Station war ein eigener Nivellierungs-Regler. Zuerst wurden Zukaufsprodukte vertrieben. Diese hatten aber nicht die Performance, die man sich wünschte. Diesen ersten eigenen Nivellierungs-Regler gibt es bis heute. Dann kam sicherlich eine digitale Revolution im kleinen Stil zum Tragen; das heißt, die Produkte wurden digital, aber nicht komplex. Sie sind weltweit als sehr einfache Produkte bekannt: Es gibt nur vier Tasten und ein paar Anzeigen. Trotzdem sind es im Kern sehr komplexe Prozesse, die da beherrscht werden müssen und das unter Extrembedingungen. Dafür ist es wichtig, dass man sich auf der einen Seite stark mit der Anwendung beschäftigt, aber auf der anderen Seite auch neue Technologien entwickelt, um die gestellten Aufgaben gut zu lösen. Beispiele sind Ultraschall zur Höhenmessung oder Neigungssensoren.

Was Sie gerade ansprechen, hört sich alles nach Sensorik an. Aber wenn man sich das Moba-Produktspektrum betrachtet, so geht das weit über die Sensorik hinaus.

Barthel: Man kann unsere Technologien in drei Bereiche gliedern. Das Erste sind die Sensoren, das Zweite sind die Steuergeräte oder Controller und das Dritte sind die Bedieneinheiten. Die Moba-Stärke – Herr Jurasz hat es gerade schon angesprochen – ist sicherlich das Applikationswissen und das Entwickeln von komplexen Systemen, in denen alle drei Technologien zum Einsatz kommen. Wo wir sehr gut sind und wo wir herkommen, ist der Straßenbau – im Wesentlichen natürlich mit Technologien für folgende Maschinen: Straßen-Fräse, Straßen-Fertiger und Walze. Aber über die Jahre sind wir immer weiter in verschiedenste andere mobile Arbeitsmaschinen mit unseren Technologien eingedrungen und entwickeln uns stetig weiter. Z.B. findet man Moba-Produkte mittlerweile in Mobilkränen, in Arbeitsbühnen, in Bohrlösungen, in Erdbewegungsmaschinen wie Bagger, Raupe und Grader, in Entsorgungsfahrzeugen usw.

Sind Sie auch im Bereich der Landmaschinen tätig?

Barthel: Ja sicherlich. Wir liefern einerseits Wiegesysteme für Futtermischwagen, auf der anderen Seite kommt unsere hochpräzise und robuste Erdbewegungstechnologie immer mehr bei der Vorbereitung von Feldern zum Einsatz, z.B. beim Reisanbau in Indien und China.

Sie haben vor noch nicht allzu langer Zeit ein Online-Portal gestartet, die Moba-Community. Mich würde interessieren, wie das Ganze vom Markt und speziell von den Anwendern angenommen wurde?

Barthel: Wir sind sehr zufrieden mit dem Start. Wie Sie gerade schon sagten, das ist ein ganz neues Thema. Noch sind wir im Aufbau, aber das erste Feedback ist sehr positiv. Wir entwickeln und verkaufen hochkomplexe technische Systeme, die weltweit zum Einsatz kommen. Wobei die Anforderungen in den verschiedenen Regionen ganz unterschiedlich sind. Mit der Moba-Community haben wir eine Plattform die alle Bereiche miteinander vernetzt – Experten zu den verschiedenen Themen, Spezialisten und Anwender. Wir sind davon überzeugt, dass diese technischen Systeme nur weiterentwickelt werden können, wenn wir diese Menschen zusammenbringen. Dafür eignen sich moderne Kommunikationsformen, wie die Moba-Community sehr gut.

Sie sprechen damit primär Ihre Kunden und Anwender an? Oder soll es auch darüber hinausgehen?

Barthel: Wir wollen jeden ansprechen, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Branchenexperten, Kunden, Moba-Mitarbeiter weltweit, Mitbewerber, Fachorganisationen, Wissenschaft und natürlich Anwender. Wer meint, einen Beitrag leisten zu können, darf und soll sich an der Moba-Community beteiligen.

Jurasz: Was wir mit der Community erreichen wollen: Wir haben es mehrfach erlebt, dass die Kunden, oder auch potenzielle Kunden, uns mit ganz anderen Augen sehen, wenn sie die Firma – insbesondere die Entwicklungsabteilung – einmal gesehen haben: die Bandbreite an Themen, mit denen wir uns beschäftigen, und mit welcher Begeisterung die Menschen dabei sind. Und diesen Effekt versuchen wir über das Internet zu multiplizieren. Ob es uns gelingt, werden wir sehen. Wir sind ja gerade am Anfang, aber das soll auf jeden Fall der Leitfaden sein.

Wir haben vorhin schon einmal darüber gesprochen, dass sich der Markt für mobile Automation sehr stark entwickelt. Wie schätzen Sie die zukünftige Marktentwicklung für die Automatisierung von mobilen Arbeitsmaschinen ein?

Jurasz: In meinen Augen kann man eine moderne Maschine eigentlich recht gut automatisieren in Bezug auf einzelne Funktionen. Natürlich gibt es Maschinen, die sind komplexer als andere. Ein Straßen-Fertiger beispielsweise macht im Prinzip aus etwas Material eine fast fertige und befahrbare Straße. Natürlich gehören zu dem Prozess des Straßenbaus weitere Maschinen mit vielen verschiedenen Funktionen. Zusätzlich zu den Aufgaben des Asphalt-Fertigers, muss man auch den Transport des Materials betrachten, sowie weitere Qualitätsmerkmale zusätzlich zur Nivellierung, wie Ebenheit, die Belastbarkeit einer Straße usw. Die einzelne Aufgabe hat man schnell im Griff, nicht aber den ganzen Prozess. Dazu gehören weitere Maschinen, die Logistikkette oder Verdichtungsprozesse. Da wird sich sicherlich noch einiges tun – auch in Richtung Prozessautomatisierung. Das sind viele Herausforderungen, die spezifisch für mobile Anwendungen sind – die Baustelle ist heute hier, morgen da, jede Straße ist anders. Die Situation, wenn es um Infrastrukturprojekte geht und um die Kommunikation der Maschinen untereinander, ist jedes Mal eine neue. Auch das Team und die Gewerke, die an einer Baustelle zusammenkommen. Das wird jedes Mal neu zusammengewürfelt; je nachdem wie gerade die Situation ist. Diesen Prozess zu automatisieren, sich aufs Wesentliche konzentrieren zu können, Komplexes einfach zu gestalten – das wird die Herausforderung in der Zukunft sein. Die Anzahl an verschiedenen Automatisierungskomponenten an den Maschinen wird sich erhöhen und die Vernetzung dieser Komponenten wird immer wichtiger werden.

Denken Sie auch an M2M-Kommunikation? In der Landwirtschaft gibt es das Thema Precision Farming; gibt es etwas Ähnliches oder Vergleichbares auch bei Baumaschinen?

Jurasz: Ja, wobei es mehrere Unterschiede gibt. In der Landwirtschaft lässt sich die Rentabilität einer neuen Investition sehr schnell berechnen. Bei einer Straße ist das nicht so ohne Weiteres möglich. Als Straßenbau-Unternehmen hat man unter Umständen nicht den Anspruch, die beste Straße der Welt zu bauen, sondern unter gewissen Aspekten, z.B. Geld sparen, das Optimalste zu erreichen. Eine andere Institution muss die Leistung bezahlen und versucht das Geleistete bestmöglichst zu kontrollieren. Diese Zusammensetzung aus Behörden, Unternehmen und Subunternehmen macht die Situation wesentlich komplexer. Außerdem kommt, im Gegensatz zur Agrarwirtschaft noch hinzu, dass eine Baustelle immer wieder wo anders eingerichtet wird. Ein Feld bleibt immer am gleichen Standort. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum man im Bereich der Straßenbaumaschinen in Punkto Vernetzung und Automatisierung hinter der Entwicklung in der Landwirtschaft her hinkt. Da wird sich in Zukunft noch einiges tun.

Barthel: Wie Herr Jurasz schon sagte, im Straßenbauprozess geht es eigentlich immer wieder um die Themen Gesamtprozessoptimierung, die Produktivität und die Qualität zu steigern. Es gibt Nachweise, dass Straßen länger halten, wenn wir den Prozess optimieren. Forschungsprojekten haben gezeigt, dass es hier noch einige Stellhebel gibt, z.B. um die Standfestigkeit der Straßen zu erhöhen. Und an diesen Themen sind wir als Moba dran. Hier würde ich gerne noch einen anderen Punkt ergänzen. Neben Produktivität und Qualität ist Sicherheit bei mobilen Arbeitsmaschinen ein mindestens genauso wichtiges Thema. Dies spielt besonders bei Mobilkränen und Hubarbeitsbühnen eine wichtige Rolle. Da gibt es die entsprechenden Normen in den jeweiligen Ländern und da haben wir in den letzten Jahren eine sehr gute Entwicklung gemacht. Es geht darum, Arbeitsmaschinen insgesamt auf die neuen Anforderungen vorzubereiten. Dann das Ganze umzusetzen mit Sensoren, mit Steuergeräten, mit Bedieneinheiten und die komplexen Systeme, die man dafür braucht, um die Maschinen auf ein höheres Sicherheitslevel zu heben. Das ist das, was Moba macht.

Jurasz: Stichwort Funktionale Sicherheit. Letzten Endes auch für den Entwickler, der ein System programmiert, ein wichtiges Thema, damit er ruhig schlafen kann. Denn hier hängt ein Menschenleben von seiner Arbeit ab. Da wird sich sicherlich weltweit noch einiges weiterentwickeln.

Ein weiteres Thema, das ich zumindest aus dem landwirtschaftlichen Bereich stärker kenne, ist die Diskussion, Hydraulik teilweise durch elektrische Antriebstechnik zu ersetzen. Der Ruf nach Energieeffizienz steckt da stark dahinter; teilweise auch die Regelbarkeit von elektrischen Antrieben. Wie sehen Sie diese Entwicklung, von der Hydraulik weg und stärker zur elektrischen Antriebstechnik?

Jurasz: Diese Entwicklung wird uns sicherlich begegnen. Dies ist nur eine Frage der Zeit. Man muss aber sagen, wir arbeiten hier in einer relativ konservativen Branche. Wenn man sich anschaut, wie groß ein 100kW Hydraulikmotor ist, wie weit diese verbreitet sind und was das letzten Endes kostet, diese auszutauschen, dann wird es noch ein bisschen dauern, bis er wirklich durch einen elektrischen Antrieb ersetzt wird. Aktuell ist der elektrische Antrieb ja noch größer und schwerer, aber natürlich energetisch gesehen effizienter und kann besser geregelt werden. Wir arbeiten schon in gewissen Forschungsprojekten daran, wie das in Zukunft aussehen könnte. Es gab schon vor zehn oder 20 Jahren die Möglichkeit, einen Straßen-Fertiger komplett elektrisch zu gestalten, aber das war noch zu früh. Heutzutage wird das, denke ich, ziemlich aktuell. Die Thematik energetische Effizienz von mobilen Arbeitsmaschinen ist sicherlich immer ein Thema, wenn es um die Optimierung des Energieverbrauchs geht.

Eine Frage zum Thema Vernetzung und Kommunikation. Sie haben gesagt, Baumaschinen – die Branche als solche – ist eher konservativ. Dieses \’konservativ\‘ drückt sich sehr häufig auch beim Thema Vernetzung aus. Ich nehme mal an, dass Sie momentan, wenn Sie von Vernetzung sprechen, über CAN sprechen.

Jurasz: Ja, nicht nur, aber damit fängt es an.

Da würde mich interessieren, was setzen Sie heute schon ein und wo sehen Sie im Bereich der Vernetzung die Zukunft?

Jurasz: Also bei der Vernetzung auf der Maschine ist CAN eine gesetzte Größe. Es gibt andere Technologien, die infrage kommen, aber eigentlich nur am Rande eine Rolle spielen, wie Industrial Ethernet. Neue Entwicklungen im Bereich schnellerer CAN-Systeme, wie beispielsweise CAN FD, werden uns sicherlich noch beschäftigen. Aber so richtig interessant wird es, wenn wir über die Kommunikation der Maschinen untereinander reden. Da kommen uns die Entwicklung der mobilen Kommunikationstechnologie mit 3G oder 4G natürlich sehr entgegen. Auf Baustellen werden aber auch noch andere Technologien eingesetzt, WLAN zum Beispiel oder Bluetooth. Mit all diesen Technologien arbeiten wir schon in verschiedenen Anwendungen und sammeln Erfahrungen.

Was sind die wichtigsten internationalen Märkte für die Firma Moba?

Barthel: Wir sind ein absoluter Spezialist bei verschiedenen Applikationen und vertreiben unser Produkte weltweit, weil der Markt – rein auf Deutschland bezogen – doch relativ klein ist. Der Markt der mobilen Arbeitsmaschinen ist ein sehr internationaler Bereich. Und da sind wir eigentlich schon sehr früh drauf gekommen: Schon der Gründer Paul Harms hat in den 80er Jahren die erste Tochtergesellschaft in Italien gegründet. Das heißt, Herr Harms hat schon sehr früh erkannt, dass die Zukunft der Moba in der Internationalität steckt. Mittlerweile haben wir Standorte in verschiedensten europäischen Ländern, wie Frankreich, Italien, Spanien und England. Wir haben Tochtergesellschaften in den USA, Indien und in China. Wir sind also gut vorbereitet auf eine internationale Zukunft. Um auf Ihre Frage noch einmal einzugehen: Wo ist unser wichtigster Markt derzeit? Der ist mit Sicherheit in China, aber nicht nur im Direktgeschäft China, sondern auch weil auch unsere Kunden in Deutschland sehr vom chinesischen Markt abhängen – im Positiven wie im Negativen.

Sehen Sie speziell in China wesentliche technische Unterschiede bzw. wesentlich unterschiedliche Anforderungen an die Technologie?

Jurasz: Ich würde sagen, nein. Man kennt das ja in China, man orientiert sich dort an den Besten, die es gibt. Und da kann man stolz sagen, in Europa werden immer noch die besten Baumaschinen der Welt produziert. Abgesehen davon gibt es schon Unterschiede, so gibt es für den lokalen Markt vereinfachte Produkte. Aber im Grunde werden Moba-Produkte in China gerne genommen, weil wir in Europa so stark sind. So einfach ist das.

Wenn Sie jetzt in die Zukunft schauen, wo sehen Sie Ihr Unternehmen in fünf Jahren?

Barthel: Also wir werden in den nächsten Jahren ganz intensiv an Lösungen für komplexe Probleme arbeiten. Wir wollen da die Nummer eins sein, bei den unterschiedlichsten mobilen Arbeitsmaschinen. Daher ist es für uns sehr wichtig, eine gewisse Modularität innerhalb der Arbeitsmaschine zu haben. Das bedeutet, wir haben schon jetzt ein Spektrum von Sensoren unterschiedlichster Technologien, wir haben ein gewisse Bandbreite bei Controllern und haben ein Spektrum von Bedieneinheiten. Das ist das Thema in den nächsten drei bis fünf Jahren, das Ganze zu optimieren, eine Modularität für die mobile Arbeitsmaschine zu haben. Ich glaube, da sprechen wir noch über einen weiteren Horizont – vielleicht bis in zehn Jahren. Aber schon heute sind wir stolz auf diese Modularität innerhalb unseres Produktspektrums.

Herzlichen Dank für die interessanten Einblicke in die Welt der Mobilen Automation.