Retrofit mit Sicherheit Interview mit Harald Förster und Christian Bittner, Pilz GmbH & Co. KG, Ostfildern

Bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, zunächst eine globale Frage: Wie ist die aktuelle Geschäftsentwicklung bei Pilz? Förster: Für dieses Jahr lässt sich bereits absehen, dass sich ein sehr gutes Ergebnis anbahnen wird. Insbesondere Asien und China sind Wachstumsmärkte für Pilz. Ganz generell kann man im Moment schon sagen, dass der Sensorik-Bereich sich sehr positiv entwickelt. Welchen Stellenwert hat Retrofit für Pilz? Ist das eher ein Randbereich oder sehen Sie dort Wachstumspotenziale? Förster: Wir sind ja klassisch im Hersteller-Bereich zu Hause, also bei Maschinenbauern, die ihre Maschinen mit unseren Produkten ausstatten. Über das Retrofit erreichen wir zusätzliche Kundenzielgruppen. Alles in allem ist gerade der Dienstleistungsbereich über die letzten zehn Jahre massiv gewachsen. Gibt es spezielle Produkte oder auch Dienstleistungen, die Pilz im Bereich Retrofit anbietet? Und was natürlich hiermit zusammenhängt, gibt es in diesem Bereich andere Anforderungen? Bittner: Vielleicht ganz grundsätzlich: Es ist ja beim Retrofit nicht damit getan, einfach die alte Technik rauszuwerfen und neue Technik reinzupacken. Es muss zunächst überprüft werden, ob die Maschine auch weiterhin dem Stand der aktuellen Technik entspricht. In solchen Fällen gibt es bei uns sogenannte \’Sicherheitstechnische Beurteilungen\‘. Das heißt, wir schauen zunächst, wie alt die Anlage ist. Wenn sie z.B.vor 1995 in den Verkehr gebracht worden ist, bekommt sie keine CE-Kennzeichnung mehr. Dennoch muss sie selbstverständlich dem Stand der Technik entsprechen. Dann wird festgestellt, wo die Anlage technologisch steht und wo wir sie hinbringen müssen. Das heißt also, Ihr Ansatzpunkt ist der Consulting-Bereich, in dem es um Normen in Bezug auf die Sicherheit geht. Sie nutzen hier also die Möglichkeit, rundherum Dienstleistung anzubieten – richtig? Förster: Richtig. Im Beratungsbereich gehen wir lösungsorientiert vor. Primär geht es darum, den Anforderungen, die der Kunde etwa auch durch die Betriebssicherheitsverordnungen bereits kennt, gerecht zu werden, sprich Mängel aufzudecken. Die Beratung steht erst einmal im Vordergrund, nicht die Produkte. Oftmals will sich der Kunde zuerst mal einen Überblick verschaffen, weil er nicht genau weiß, wo er steht. Thema der Beratung – als erster Schritt – sind vor allem die aktuellen Anforderungen, also neue Normen oder Maschinenrichtlinien, aber auch die Betriebssicherheitsverordnung. Auf Beratung liegt auch die Hauptmotivation des Kunden, Pilz als Dienstleister hinzuzuziehen. Selbstverständlich haben wir, falls gewünscht, auch die passenden Produkte. Ist die Beratung kostenpflichtig? Bittner: Generell ist es so, dass gemeinsam mit dem Kunden erörtert wird, wie das passende Dienstleistungsprodukt für ihn aussehen kann. Die Beratungsgespräche sind kostenfrei, erst die eigentliche Dienstleistung, die daraus folgt, ist kostenpflichtig. Können Sie das Ganze anhand eines Beispiels verdeutlichen? Förster: Ein Betreiber, der auch eigene Maschinen baut, also einen internen Betriebsmittelbau hat, verfügt oftmals nicht über das erforderliche Wissen, die notwendigen CE-Anforderungen vollständig zu berücksichtigen. Durch unsere Beratung wird dem Kunden dieses Manko bewusst. Der anschließende Einstieg in die eigentliche Beratung erfolgt dann über unser \’Plant Assessment\‘, das einen groben Überblick über die Gesamtsituation verschafft. Auch wird eine grobe Kosten-Abschätzung gemacht. Dann entscheidet der Kunde, ob er eine Umsetzung möchte. Es geht also schon noch ein Stück darum, den Kunden hier zu sensibilisieren und die Dimension des ganzen Themas zu verdeutlichen? Förster: Ende des Jahres kommt ja die Ablösung EN 954, dieses Thema unterstützt sozusagen die Sensibilisierung dahingehend, dass etwas getan werden muss. Um kurz auszuholen: Pilz bietet hierzu über seine Dienstleistung hinaus Seminare und Training an, die die Problemlage aufzeigen. Hier werden Teilnehmer geschult zum Thema Sicherheitstechnik und können dann teilweise die entsprechende Risikoabschätzung selbstständig durchführen. Um zurückzukommen: Häufig ist es so, dass Teilnehmer hier erst merken, wie komplex das Thema tatsächlich ist und Pilz als Dienstleister mit ins Boot holen. Wie ist das mit der Zertifizierung im Bereich Retrofit? Läuft so etwas über eine TÜV-Abnahme oder ist das auch ein Teil dessen, was Sie anbieten? Förster: Grundsätzlich ist es nicht anders als bei neuen Maschinen. Es wird zwar häufig von einer TÜV-Abnahme gesprochen, in der Regel ist aber die Baumusterprüfung gemeint, die unter Umständen entsprechend der Maschinenrichtlinie notwendig ist. Solche Baumusterprüfungen werden von sogenannten \’Notifizierten Stellen\‘ ausgeführt, das sind neben dem TÜV auch z.B. die BG und weitere Stellen. Was für eine Entwicklung sehen Sie im Bereich Retrofit? Ist das ein Markt, wo Sie sagen würden, dass es aufgrund von Normen noch großen Handlungsbedarf gibt? Bittner: Generell ja. Nehmen wir die wesentliche Änderung. Pilz bietet auch die Prüfung auf wesentliche Änderungen an, genauso aber auch die weiterführende CE-Zertifizierung. Und die CE-Zertifizierung ist ja wieder mit sehr vielen Dienstleistungen verbunden. Von der Erstellung der Risikobeurteilung oder des Sicherheitskonzepts über intensive Normenrecherche bis hin zur Ausstellung der Konformitätserklärung. Somit ist das Thema Retrofit in jüngster Zeit verstärkt hinzugekommen, wird aber von allen unseren Dienstleistungen erfasst. Förster: Ein gewisser Grundbedarf an Retrofit ist immer da und dieser ist bei Weitem nicht ausgeschöpft. Wenn wir an Länder wie Indien oder China denken, sehen wir dort aufgrund der veralteten Maschinen Aktualisierungsbedarf. Hier spielt die Globalisierung der Märkte mit hinein, der Export bzw. Import, für den die europäischen Richtlinien gelten. Unter diesen Voraussetzungen betrachtet, wird es eher noch erhöhten Handlungsbedarf geben. Gibt es aus Ihrer Sicht noch etwas, was im Zusammenhang mit dem Thema Retrofit von großer Wichtigkeit ist? Förster: Ergänzen möchte ich noch, dass Pilz im Bereich Systemintegration die Qualität in der Umsetzung mit Blick auf die Anforderungen aus den Normen in den Mittelpunkt stellt und – stellen kann. Wir verfügen dadurch, dass dies sozusagen unser Tagesgeschäft ist, über ein Know-how im Sicherheitsbereich, das es uns ermöglicht, auch komplexen und schwierigen Kundenanforderungen zu begegnen. Mit dem Einzug der EN ISO13849-1 muss jeder der Hard- und Software plant, diese Norm von Anfang an berücksichtigen und sich spätestens jetzt auf die neue Norm einstellen. Es ist sozusagen fünf vor zwölf. Verifikation und Validierung sind die Schlagworte, diese müssen jetzt berücksichtigt werden, d.h. auch erfolgen. Hier hat Pilz jahrzehntelange Erfahrung und kann optimal unterstützen. Das heißt, da kommt es schon sehr zugute, dass im Bereich Sicherheitstechnik die Kernkompetenz von Pilz liegt? Förster: Ja, absolut. Unser Know-how in der Sicherheitstechnik ist gewachsen über die Jahrzehnte. Und obwohl wir nicht sicher waren, wie sich die EN/ISO13849 entwickeln wird, wie der Markt reagieren wird, sehen wir nun, dass eine große Nachfrage an Spezialwissen gefordert wird. Hier kann Pilz optimal unterstützen. Ich bedanke mich für das informative Gespräch. Kasten 1: Christian Bittner Christian Bittner, geb. 1980 in Kassel, spezialisierte sich während seiner Ausbildung bei G + S Kassel u.a. in den Bereichen Automatisierungstechnik, E-Konstruktion, Inbetriebnahme und Retrofit komplexer Anlagen und Fertigungsstraßen. 2007 wechselte Bittner in die Abteilung Customer Support bei der Pilz GmbH & Co. KG, wo er den Bereich Sicherheitsdienstleistungen stellvertretend verantwortet. Zudem ist er im Auftrag von Pilz als Inspektionsstellenleiter, akkreditiert nach DAkkS, tätig. Kasten 2: Harald Förster Harald Förster, geb. 1961 im österreichischen Graz/Steiermark, studierte Elektronik an der Fachhochschule Aalen/Baden-Württemberg. Von 1987 bis 1998 leitete er bei der Firma Seidel Elektrotechnik, Göppingen, den Bereich Elektrokonstruktion. 1998 wechselte Harald Förster als Gruppenleiter Applikation zur Pilz GmbH & Co KG. Seit 2001 leitet er die Abteilung Customer Support bei der Pilz GmbH & Co. KG.