Wie deutsche Hersteller Materialkosten von 100Mrd.€ einsparen können

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Bild: Roland Berger Strategy Consultants

Die Stimmung in der Wirtschaft spiegelt diesen Druck wider. Im April 2025 lag der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe bei 48,3 und damit zum 35. Mal in Folge unter der neutralen Schwelle von 50, was den anhaltenden Pessimismus unterstreicht. Als Reaktion darauf haben viele Unternehmen Stellen abgebaut oder Produktionskapazitäten stillgelegt.

Diese Entwicklung hat zahlreiche makroökonomische und strukturelle Ursachen. Zu den Kostentreibern zählen anhaltende Inflation, Energiepreisschwankungen, geopolitische Veränderungen, Klimavorschriften und Arbeitskräftemangel. Gleichzeitig sind viele Unternehmen nicht ausreichend auf die Bewältigung dieser Risiken vorbereitet. Ein Mangel an Transparenz in ihren Lieferketten – insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeit – ist ein ernstes Problem.

Im Gegensatz zu früheren Konjunkturzyklendürften dürften viele dieser Belastungen in naher Zukunft kaum abklingen, sodass für deutsche Hersteller eine neue Normalität mit erhöhten Kosten entsteht.

Kurzfristige Erholung im Einklang mit langfristiger Transformation

Dennoch gibt es hier eine große Chance: Durch intelligentere Beschaffung könnten deutsche Industrieunternehmen bis zu 100 Milliarden Euro an Materialkosten einsparen – das entspricht einer Steigerung des industriellen BIP um mehrere Prozentpunkte.

Wie kann das erreicht werden? In einem neuen Bericht analysieren wir aktuelle Beschaffungstrends in der deutschen Fertigungsindustrie und stellen eine zweigleisige Strategie vor, die eine kurzfristige Erholung mit einer langfristigen Transformation in Einklang bringt.

Rebound: Durch Vertragsneuverhandlungen, Lieferantenkonsolidierung und Optimierung der Tail-Spend-Ausgabenlassen sich kostenbedingte Mehrausgaben mindern und verlorenes Geld zurückgewinnen.

Vorbereiten: Zur Stärkung ihrer Widerstandsfähigkeit sollten Unternehmen Lieferanten diversifizieren, Preisvolatilitäten absichern, Kostenweitergaben integrieren und Nachhaltigkeit zu einer Priorität bei der Beschaffung machen.

Die Beschaffung muss sich von reaktiver Brandbekämpfung zu strategischer Vorausschau entwickeln. Zur Erreichung dieses Ziels definieren wir in unserer Studie vier zentrale Einkaufskategorien und zeigen auf, welche Bedeutung maßgeschneiderten Maßnahmen zukommt. Für jede Kategorie untersuchen wir die Volatilität, die wichtigsten Triebkräfte für Veränderungen, die Auswirkungen auf Beschaffungsteams sowie die Benchmarks, an denen sich Industrieunternehmen bei ihren strategischen Entscheidungen orientieren können. Dabei handelt es sich um folgende Kategorien:

Industriemetalle und Edelmetalle

Energie und Versorgungsunternehmen

Chemikalien und Kunststoffe

Fracht und Logistik

Durch die Umsetzung dieser zweigleisigen Strategie können deutsche Hersteller den aktuellen Margendruck mindern und die Widerstandsfähigkeit ihrer Lieferketten langfristig sichern. Nach unserer Einschätzung lassen sich so die Materialkosten in vielen Kategorien um 5 bis 10 % senken.

Beschaffung als strategischer Wertschöpfer

Es steht viel auf dem Spiel: Deutschlands Rolle als Industriemacht hängt davon ab, dass die Beschaffung von einer Backoffice-Funktion zu einem strategischen Motor für Kostenführerschaft und Innovation wird.

Das Beschaffungsdilemma aus steigenden Kosten und sinkenden Produktionszahlen lässt sich nicht von heute auf morgen lösen. Es erfordert eine Vielzahl individueller Maßnahmen, von neu verhandelten Verträgen über überarbeitete Produkte bis hin zu optimierten Transportwegen.

Entscheidungsfreudige Unternehmen haben jedoch die reale Chance, einen Teil der potenziellen Materialeinsparungen in Höhe von 100 Milliarden Euro für sich zu nutzen – vorausgesetzt, sie machen die Beschaffung zu einem proaktiven, funktionsübergreifenden Wertschöpfer.