
Frau Dr. März, wo beginnt für Sie die Digitalisierung des Kalibrierprozesses?
Ich beginne ganz klassisch: Der erste Schritt ist die Überführung von Papier in digitale Dateien. Bei Bürkert kalibrieren wir unsere Produkte inhouse bereits weitgehend digital – das Produkt wird erkannt, Kalibrierdaten gespeichert, Zertifikate automatisch erzeugt und dem Kunden digital bereitgestellt.
Der nächste Schritt ist anspruchsvoller: Wir wollen diese Informationen aus der Herstellung mit dem verknüpfen, was im Feld passiert. Wenn ein Kunde nach einem Jahr eine Rekalibrierung wünscht, sollten alle Daten einfach verfügbar sein – nicht verstreut in PDFs und E-Mails. Außerdem arbeiten wir an digitalen Kalibrierzertifikaten, die in vielen Kontexten diskutiert werden.
Auf der SPS 2024 haben Sie eine Vision zum digitalen Zwilling in der Kalibrierung gezeigt. Wie realistisch ist das?
Das war tatsächlich eine Vision für die ferne Zukunft. Die Idee: In der klassischen Kalibrierung vergleiche ich ein Gerät mit einer Referenz auf einer gemeinsamen Messstrecke. Beim digitalen Zwilling hätte ich beide – Feldgerät und Referenz – als digitale Zwillinge in einer simulierten Umgebung, einem virtuellen Kalibrierprüfstand.
Die größte Herausforderung ist die Genauigkeit. Bei der Kalibrierung kommt es teilweise auf Hundertstelprozente an. Das wird ein digitaler Zwilling nicht so präzise leisten wie physikalische Verfahren – aber vielleicht ausreichend genau. Wenn dadurch Anlagenbetreiber öfter kalibrieren können ohne Stillstandszeiten, wäre das ein echter Mehrwert. Mit der Demo wollten wir vor allem testen, wie die Reaktion auf diese Grundidee ist.
Welche Hürden gibt es noch?
Aktuell bremsen vor allem die Regularien: Die bestehenden Normen sind noch vollständig auf physische Kalibrierprozesse ausgelegt und berücksichtigen digitale Verfahren schlicht nicht. Daran kann das Konzept im Zweifel scheitern. Ebenso wichtig ist ein klarer Mehrwert – denn die Entwicklung solcher Lösungen ist aufwendig. Für Anwender muss spürbar sein, dass sich der Einsatz wirklich lohnt. In der Intralogistik ist die Maximierung der Lagerkapazität entscheidend. Kompakte Sensoren spielen dabei eine Schlüsselrolle: Höchste Leistung in kompakter Bauform schafft mehr Platz für die Ware, denn die Technik macht sich klein. ‣ weiterlesen
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Welche technischen Voraussetzungen braucht es für digitale Kalibrierprozesse?
Standardisierung der Datenübergabe ist zentral. Die Asset Administration Shell bietet einen Ansatz, wie wir entlang der Supply Chain Daten standardisiert übergeben können. Wir müssen in der Lage sein, mit mehreren Standards umzugehen, aber es braucht mehr Einheitlichkeit.
Ein praktisches Problem sind auch die Schnittstellen: In der Anlage hat man eine Schnittstelle zur Steuerung, am Prüfstand wieder eine andere. Für jeden Sensor eine andere Schnittstelle zu haben, macht das Ganze unnötig kompliziert.
Wie adressieren Sie das Thema Datensicherheit?
Datensicherheit ist zentral. Niemand möchte sensible Kalibrierdaten ’nach außen geben‘ – aber genau das ist auch nicht das Ziel. Wir wollen unsere Kunden enablen, Zugriff auf ihre eigenen Daten zu haben und diese abzugleichen. Wir erheben gar nicht den Anspruch, auf Kundendaten zuzugreifen. Vertrauen und Sicherheit haben höchste Relevanz. Jeder will sein Geschäftsgeheimnis bewahren – das muss man bei der Digitalisierung berücksichtigen.
Können Sie einen realistischen Zwischenschritt für die nächsten drei bis vier Jahre skizzieren?
Eine komplette virtuelle Kalibration wird noch länger dauern, aber realistisch wäre: Der Sensor wird ausgebaut, in die Kalibrieranlage eingesetzt – und mit einem einzigen Knopfdruck startet der gesamte Prozess. Die Messlinie erkennt automatisch, was für ein Sensor es ist und welche Referenz verwendet werden muss. Die Erstellung, der Abgleich und die Bereitstellung der Zertifikate laufen automatisch. Die Freigabe prüft noch ein Mensch, aber der Rest ist vollautomatisch. Das Zertifikat wird abgelegt, jeder mit Berechtigung kann darauf zugreifen. Dieses Szenario halte ich in absehbarer Zeit für realistisch.
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Wir müssen Dinge so einfach gestalten, dass sie weniger Zeit und Aufwand erfordern. Der Hintergrund: Wir bekommen nicht genug Fachkräfte. Aufgaben, die heute durch Kompetenz und Wissen erledigt werden, müssen wir so vereinfachen, dass andere Menschen sie tun können. Digitalisierung wird dabei ein großer Hebel sein.

Was würde die Kalibrierung kurzfristig vereinfachen?
Eine deutlich bessere Datenverfügbarkeit zum jeweiligen Gerät. Sensoren werden in bestimmten Anwendungen eingesetzt und darauf kalibriert. Diese Informationen zusammenzubekommen – das ist oft ein Problem. Außerdem braucht es klarere Angaben dazu, was eine Kalibrierung umfasst und wie die einzelnen Schritte ablaufen. Ein Sensor kann auf verschiedene Gase kalibriert werden, mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen: Durchflüsse, Druck, Anzahl der Messpunkte. Es gibt keine einheitliche Beschreibung, welche Auswirkungen ein bestimmtes Vorgehen hat.
Macht Kalibrierung nicht gerade bei KI-gesteuerten Anlagen noch mehr Sinn?
Absolut. Wenn Anlagen sich selbst regulieren und optimieren, ist es noch essentieller, dass die Geräte richtig messen. Die Annahme bei KI ist immer, dass alle Komponenten das Richtige tun. Wir wissen aus Erfahrung: Das ist nicht so. Man muss die Hardware überprüfen, um der KI zu ermöglichen, optimal zu arbeiten. Kalibrierung ist dabei ein wichtiger Teil.
Wie schätzen Sie den KI-Hype in der Industrie ein?
Technologisch bin ich begeistert. Das Problem ist die Annahme, dass KI alles lösen kann. Da die Technologie so einfach zugänglich ist, jedoch oft das Verständnis fehlt, wie KI funktioniert, kommt es zu Fehlern. KI kann Arbeitsprozesse gut unterstützen, wenn man sie bewusst und umsichtig einsetzt. Überschätzt wird sie bei schlechter Datenqualität und unstrukturierten Daten.
Was würde Anwender dazu bringen, mehr zu kalibrieren?
Den Vorteil klar darstellen: verlässlichere Messwerte, bessere Produktionsergebnisse. Gerade wenn Anlagen automatisierter laufen, wird es wichtiger, dass Sensoren richtig messen. Viele verlassen sich zu sehr auf die Technik – auch sie hat Schwankungen und lässt nach. Die Prozesse berücksichtigen diese Alterung oft nicht. Hier liegt eine große Chance.



















