Kai Binder: Welche Märkte sind derzeit für Ethercat interessant? Martin Rostan: Ethercat wurde mit dem Blick auf den Maschinen- und Anlagenbau entwickelt. Aber wir sehen darüber hinaus, dass sich noch andere Branchen für Ethercat interessieren, die wir ursprünglich gar nicht im Blick hatten. Dazu gehören vor allem die Bereiche der Messtechnik und der Halbleiterindustrie. Dort sind wir auf bestem Weg, der nächste Quasistandard zu werden. Außerdem haben wir sehr gute Marktanteile im Bereich der Umformtechnik und der Kunststofftechnik sowie in der Robotik, und der Bereich der CNC-Maschinen wächst. Kai Binder: Sind das die Bereiche, in denen die hohe Geschwindigkeit von Ethercat die zentrale Rolle spielt? Martin Rostan: Es gibt zwei entscheidende Argumente, weshalb Ethercat zum Einsatz kommt: Zum einen tatsächlich die Geschwindigkeit. Der Anwender muss also keine Rücksicht auf den Bus nehmen – egal, welche Steuer- und Regelungstechnik er einsetzt. Und zum anderen wird Ethercat in Bereichen wie der Logistik und bei Material-Fördersystemen verwendet, wo vorwiegend die Topologievorteile zählen. Hier kommt es nicht auf die hohe Performance an, sondern darauf, viele Knoten über große Strecken miteinander zu vernetzen. Kai Binder: Können Sie die Topologievorteile bitte kurz erläutern? Martin Rostan: Wir können bei Kupfer basierten Netzwerken jeweils 100m zwischen zwei Teilnehmern realisieren. Dabei fallen faktisch keine Beschränkungen für die Teilnehmeranzahl an. Wenn das nicht reicht, dann sind je nach Wahl des FiberOptic-Mediums bis zu 40km zwischen zwei Teilnehmern möglich. Dabei müssen keine Switches eingesetzt werden, und auch das Problem der kaskadierten Switches entfällt. Wir haben also keine praktische Beschränkung bei der Linientopologie und können an beliebigen Stellen Abzweige realisieren. Wir können die Sterntopologie und den redundanten Ring nutzen. Und mit HotConnect können einzelne Geräte oder Zweige im laufenden Betrieb an- und abgekoppelt werden. Ethercat eröffnet also zahlreiche Möglichkeiten, die klassische Feldbusse nicht bieten. Auch die anderen Industrial-Ethernet-Lösungen, die heute am Markt verfügbar sind, bieten diese Flexibilität nicht. Kai Binder: Und wie sieht das Potenzial für Ethercat in Fertigungsanlagen aus? Martin Rostan: Betrachten wir Fertigungsanlagen, so gibt es beispielsweise große Montageanlagen, die mit Ethercat vernetzt sind. Häufig hat jede Montagestation ihr eigenes Ethercat-Netzwerk, also ein eigenes Ethercat-Subnetzsystem. Auch die Vernetzung quer über die Anlage erfolgt mit Ethercat. Kai Binder: Wenn der Fertigungsbereich so wichtig ist, wie sieht das dann für den Prozessbereich aus? Martin Rostan: Auch hierfür bringt Ethercat die Voraussetzungen mit: Redundanz, die große Anzahl von Knoten. Aber das ist ein bisher weitgehend ungehobener Schatz, weil die Hersteller, die sich bisher für Ethercat entschieden haben, mehrheitlich nicht aus dem Prozessbereich stammen. Kai Binder: Wenn wir es einmal regional betrachten, dann ist sicherlich Deutschland der stärkste Markt für Ethercat? Martin Rostan: Genau. Das liegt in der Historie begründet, weil die Initiative von hier ihren Ausgang nahm. Man kann das ganz gut an der Mitgliederverteilung innerhalb der ETG erkennen: Die meisten Mitglieder stammen aus Deutschland, gefolgt von den USA. Aber fast schon gleichauf mit den USA folgt Japan. Danach kommen China und Taiwan. Das zweitgrößte ETG-Land innerhalb Europas ist Italien als starke Maschinenbau-Nation. Kai Binder: In welchen Applikationen steckt auch in der aktuellen schwierigen Situation noch erfolgversprechendes Potenzial? Martin Rostan: Innerhalb des Maschinenbaus ist Ethercat in vielen Einzelbranchen sehr stark vertreten. Dazu zählen die Halbleiterbranche, Robotik, Spritzgussmaschinen, Materialtransport. Derzeit sind der Verpackungsbereich und der Bereich Erneuerbare Energien – sowohl Solar- als auch die Windenergie – besonders spannend. Bei Letzteren hat sich der Maschinenbau erst in den vergangenen Jahren entwickelt: Es ist wenig traditioneller Maschinenbau vorhanden, den man erst zum Feldbus hin oder vom Feldbus zum Industrial Ethernet hin bekehren muss. Stattdessen haben viele Hersteller ihre Entwicklungen erst in den vergangenen Jahren gestartet und gleich auf innovative Steuerungstechnik gesetzt. Kasten: Test-Tool um Antriebsprofil erweitert Die Ethercat Technology Group erweitert das Conformance-Test-Tool um das CANopen-Antriebsprofil CiA402. Damit wird die einheitliche Implementierung des Profils gefördert. Das CANopen-Profil CiA402 selbst wie auch dessen Abbildung auf die Ethercat-Kommunikation sind in IEC61800-7 genormt. Es enthält drei Betriebsarten für die zyklisch-synchrone Regelung von Antrieben. Die Testerweiterung prüft die entsprechenden Objektverzeichnis-Einträge und die Statusmaschinen auf Übereinstimmung mit dem Standard und verringert damit für den Anwender den Aufwand bei der Inbetriebnahme der Antriebe. Zuständig für die Ethercat-Testausprägung und damit auch für die Geräteprofil-Testerweiterung ist die Working Group \’Conformance\‘ innerhalb der Ethercat Technology Group.
Martin Rostan im Interview: \“Erneuerbare Energien: für Ethercat besonders spannend\“
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