SPS-MAGAZIN: Der Atomausstieg ist beschlossene Sache. Wie denken Sie darüber? Margrit Harting: Wir müssen uns immer bewusst machen, welche Konsequenzen unser heutiges Handeln für die Zukunft hat. Schliesslich liegt es in unserer Verantwortung, den nachfolgenden Generationen eine lebens- und liebenswerte Umwelt zu erhalten. Und diese Verantwortung sollten wir auch unseren Kindern und Enkelkindern vermitteln, damit diese frühzeitig lernen, wie wichtig nachhaltiges Handeln ist. SPS-MAGAZIN: Das ist mir zu unverbindlich. Können Sie Ihre Aussage präzisieren? Margrit Harting: Die aktuelle Diskussion zum Atomausstieg hat viele Fragen aufgeworfen, auf die Antworten gefunden werden müssen. Man darf bei den Protesten gegen die Kernenergie aber eines nicht vergessen: die Bequemlichkeit und das Komfortdenken des Menschen. Wir wollen abends vor dem Fernsehapparat sitzen, wir wollen im Sommer klimatisierte Räume und schon in naher Zukunft mit Elektroautos fahren – und das alles braucht Strom! Das ist eine Herausforderung der wir uns – genau wie die nachfolgenden Generationen stellen müssen. SPS-MAGAZIN: Eon-Chef Johannes Teyssen sagte in der \’Financial Times\‘, dass der Atom-Ausstieg und der damit verbundene Wechsel zum Ökostrom eine riesige Chance sei. Welche Chancen ergeben sich für ein mittelständisches Familienunternehmen wie Harting aus der verordneten Energiewende? Margrit Harting: Was wären wir für Unternehmer, wenn wir für Entwicklungen erst auf die Beschlüsse der Politik warten würden? Wir befassen uns mit Alternativen, lange bevor sie in der Öffentlichkeit oder der Politik ein Thema sind. Dies gilt auch für die erneuerbaren Energien. In diesem Markt bewegen wir uns schon seit über 30 Jahren. Solche unternehmerischen Entscheidungen bergen natürlich Risiken, die es zu berücksichtigen gilt. Andererseits bringen sie aber auch ein Unternehmen voran und sichern dessen Fortbestand. SPS-MAGAZIN: Stichwort \’Fortbestand\‘. Sie repräsentieren mit Ihrem Ehemann Dietmar Harting die zweite Generation, die dritte arbeitet bereits im Unternehmen. Was sind die Herausforderungen bei dem sich abzeichnenden Generationenwechsel? Margrit Harting: Das Wichtigste ist, dass Eltern und Kinder lernen, miteinander zu agieren. Der Übergang funktioniert nicht, wenn die Generationen gegeneinander arbeiten. Für Eltern ist das nicht immer einfach, müssen sie doch erst lernen, Kompromisse einzugehen und ihren Kindern Freiräume zu lassen. Auf gar keinen Fall darf man diese allerdings dazu zwingen, im Unternehmen zu arbeiten. SPS-MAGAZIN: Ihre beiden Kinder sind heute bei Harting tätig. Ging das wirklich ganz ohne Zwang? Margrit Harting: Was würde auf einer solchen Basis wachsen? Die einzige Bedingung, die wir unseren Kindern stellten, war eine abgeschlossene wirtschaftliche Berufsausbildung. Allerdings mussten wir uns wegen der Nachfolge-Regelung auch nie wirklich Sorgen machen. Für unseren Sohn stand es schon im Kindesalter fest, dass er eines Tages das Unternehmen übernehmen wird. Dass unsere Tochter ebenfalls einmal bei uns arbeiten wird, kam hingegen überraschend. SPS-MAGAZIN: Wieso überraschend? Margrit Harting: Sie wollte nie in das Unternehmen einsteigen und hatte andere Pläne. Erst als sie während ihrer Ausbildung zur Steuerfachangestellten ihre Leidenschaft für Zahlen entdeckte – was ich persönlich gar nicht verstehen kann – setzte bei ihr ein Umdenken ein. Heute ist sie bei uns für alles, was mit Steuern und Finanzen zu tun hat, verantwortlich. Darüber hinaus verantwortet sie den Einkauf. SPS-MAGAZIN: Und was empfinden Sie dabei, dass beide Kinder im Unternehmen tätig sind? Margrit Harting: Darauf bin ich sehr stolz. Es war aber auch ein Lernprozess, die Elternrolle zu verlassen und die Kinder als gleichberechtigte Partner zu betrachten. Als unsere Kinder zur Welt kamen, war ich selbst noch ein junger Mensch, der froh war, endlich seine eigenen Wege zu gehen. Und dann gab es da wieder Spielregeln, an die man sich zum Wohle seines eigenen Nachwuchses halten musste! Das war zunächst gar nicht so einfach. Wenn man dann aber sieht, dass die Kinder trotz der anfänglichen Unsicherheit ihren Weg gegangen sind, erfüllt einen das mit Stolz. SPS-MAGAZIN: In der zweiten Generation gibt es bei Harting nur eine Linie, weshalb es beim Übergang zur dritten nicht die Probleme wie andernorts gibt, wo Cousins und Cousinen zum Wohle des Unternehmens entscheiden müssen. Da haben Sie es doch eigentlich sehr leicht? Margrit Harting: Wir haben sechs Enkelkinder, weshalb sich spätestens unser Sohn und unsere Tochter eines Tages damit befassen müssen. Generell sehe ich da jetzt aber auch keine Probleme, sofern das Thema rechtzeitig angegangen wird. Und dass so etwas geht, dafür gibt es selbst in unserer Region gute Beispiele wie das Unternehmen Dr. Oetker, das sehr viele Gesellschafter hat. Es braucht dazu aber Geduld und den Willen, eine Familie zu sein. Ein sehr gutes Beispiel dafür gibt es übrigens bei Ihnen in der Schweiz. Bei Endress+Hauser regelt eine Charta den Übergang von der zweiten auf die dritte Generation. SPS-MAGAZIN: Sie sind Generalbevollmächtigte Gesellschafterin. Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Harting? Margrit Harting: Das Unternehmertum hat man im Blut, und es wird sich nie ganz ablegen lassen. Von daher wird es bestimmt nicht so sein, dass ich eines Tages einfach aus dem Unternehmen ausscheiden werde und mir die Firma dann fortan gleichgültig sein wird. Sicherlich werde ich mich irgendwann einmal aus dem operativen Geschäft zurückziehen, aber in irgendeiner Art und Weise werde ich mich weiter einbringen. Ich sage immer, \“alt werden darf man, aber bloß nicht langweilig\“. SPS-MAGAZIN: In Ihrer Freizeit bringen Sie sich ehrenamtlich in vielen Vereinen und Institutionen ein. Sie könnten doch den Ruhestand nutzen, um Ihr Engagement zu intensivieren? Margrit Harting: Diesen Fehler werde ich sicher nicht machen und mich auf zusätzliche Arbeit stürzen. Ich überlege vielmehr, ob es nicht schon jetzt an der Zeit wäre, mich aus dem einen oder anderen Ehrenamt zurückzuziehen. Wenn man etwas zehn oder 15 Jahre getan hat, sollte man dem Amt zuliebe aufhören und jüngeren Menschen die Möglichkeit geben, sich mit neuen Ideen einzubringen. SPS-MAGAZIN: Nicht nur Sie, sondern auch Ihre Tochter und viele andere Frauen innerhalb der Harting Technologiegruppe bekleiden eine verantwortungsvolle Position. Wie denken Sie über eine staatlich verordnete Frauenquote, über die in Deutschland diskutiert wird? Margrit Harting: Ich persönlich halte nicht viel von einer staatlich verordneten Frauenquote, da sie den Prinzipien der freien Marktwirtschaft widerspricht. Wenn ich eine Frau nur deswegen einstellen muss, weil es mir die Quote vorschreibt, bedeutet das unter Umständen, dass sich nicht die beste Bewerbung durchsetzt. Davon abgesehen bin ich überzeugt, dass eine Frau, die ganz nach oben will, es auch ohne Quote schafft. Allerdings weiss ich selbst, dass Frauen in Führungspositionen anders wahrgenommen werden als Männer! Zwei Drittel meiner 24 Jahre bei Harting wurde ich lediglich als Ehefrau von Dietmar Harting gesehen. Wenn man da nicht mit einer gehörigen Portion Humor ausgestattet ist, kann das mitunter ganz schön unter die Haut gehen. Vielleicht wird die ganze Diskussion aber auch zu wenig differenziert betrachtet. Vielen Frauen wäre womöglich schon sehr geholfen, wenn sie Beruf und Familie durch entsprechende Angebote besser vereinbaren könnten. SPS-MAGAZIN: Ihre Branche beklagt einen Fachkräftemangel und möchte daher Frauen für technische Berufe gewinnen. Werden die Frauen da nicht schon wieder in eine Rolle gedrängt, in der sie unter Umständen gar nicht sein wollen? Margrit Harting: Es macht sicherlich keinen Sinn, wenn man nun versucht, Mädchen und Frauen in technische Berufe zu zwingen. Anderseits ist es natürlich kein Fehler, wenn man ihnen zusätzliche Perspektiven und Möglichkeiten aufzeigt. Ob sie sich dann letztendlich für einen technischen Beruf entscheiden, ist eine andere Sache. Dass es aber Frauen gibt, die sehr gerne in diesem Bereich arbeiten, sehe ich in unserem Unternehmen. Die jungen Mädchen, die sich bei uns für eine technische Ausbildung entschieden haben, sind mit Begeisterung bei der Sache. SPS-MAGAZIN: Inwieweit hat die Erziehung einen Einfluss auf die Berufsfindung? Margrit Harting: Die Eltern können mit Sicherheit bei ihren Kindern die Begeisterung für Technik wecken. Ganz deutlich sehe ich das bei meinem eineinhalb-jährigen Enkelsohn. Der interessiert sich gar nicht so richtig für altersgerechtes Spielzeug, sondern eher für die Sachen der \’Großen\‘. Er hat die allergrößte Freude, wenn der Handwerker im Haus ist und er an dessen Werkzeugkiste darf. So etwas muss man erkennen und fördern, egal ob nun Junge oder Mädchen! Aber ich muss gestehen, auch wir haben es versäumt, unsere Tochter an die Technik heranzuführen, weil von Beginn an feststand, dass unser Sohn eines Tages das Unternehmen übernehmen wird. Vielleicht wäre es nicht so gekommen, wenn er sich anders entschieden hätte. SPS-MAGAZIN: Experten sagen, dass Jungen im jetzigen Bildungssystem die eigentlichen Verlierer seien, da zu sehr auf die Bedürfnisse der Mädchen eingegangen werde. Wie stehen Sie als ausgebildete Diplom-Handelslehrerin zu solchen Aussagen? Margrit Harting: Die Bestrebungen, Mädchen stärker zu fördern und ihnen gerade die technischen Berufsbilder nahe zu bringen, halte ich für sehr positiv. Allerdings sollte man darauf achten, dass die Jungen dabei nicht ins Hintertreffen geraten. SPS-MAGAZIN: Wäre eine Geschlechtertrennung im Schulunterricht ein guter Ansatz? So könnte jeweils auf die speziellen Bedürfnisse eingegangen werden? Margrit Harting: Ob das so gut ist, kann ich spontan gar nicht sagen, obwohl ich selbst auf eine Mädchenschule gegangen bin. Lassen Sie mich kurz überlegen! Doch, ich glaube, generell wäre es nicht schlecht, da Mädchen und Jungen unterschiedlich lernen. Ob sich eine solche Geschlechtertrennung allerdings hier in Deutschland durchsetzen wird, ist fraglich. SPS-MAGAZIN: Für einen Außenstehenden klingt das fast ein wenig polemisch? Margrit Harting: Nehmen Sie unser bewährtes dreigliedriges System mit Haupt- und Realschule sowie Gymnasium. Das soll nun für ein zweigliedriges abgeschafft werden. Doch was bringt das der Allgemeinheit? Der Zustrom auf die Gymnasien wird weiter zunehmen und die Anforderungen dort weiter verwässert. Nur ein Beispiel: Zu meiner Zeit bestand der Abschlussjahrgang aus 40 Schülern, nur die allerwenigsten schafften einen Einser-Abschluss. Dieses Jahr waren es am Gymnasium in unserer Nähe 172 Absolventen, wovon 48 eine Eins vor dem Komma hatten. Und ich glaube nicht, dass wir damals dümmer waren als die Jugendlichen heute! SPS-MAGAZIN: Wenn dem so ist, sind das aber keine sonderlich rosigen Aussichten, die Sie da skizzieren? Margrit Harting: Und ich befürchte, es kommt noch schlimmer. Derzeit mehren sich die Stimmen, die für eine Abschaffung der \’dualen Ausbildung\‘ sind. Wieso das Konzept einer gemeinsamen Ausbildung in Betrieb und Schule, das in der Welt einmalig ist und sich über Jahrzehnte bewährt hat, abgeschafft werden soll, verstehe ich nicht. Schließlich ist die \’duale Ausbildung\‘ sehr effizient und ein wirksames Mittel, um junge Leute umfassend auf das Berufsleben vorzubereiten. Kasten:Margrit Harting Die Diplom-Handelslehrerin und Generalbevollmächtigte Gesellschafterin der Harting Technologiegruppe leitet seit 1987 in verantwortlicher Position die Geschicke des ostwestfälischen Familienunternehmens mit seinen mehr als 3.450 Mitarbeitern weltweit. Darüber hinaus hat die Unternehmerin diverse Ehrenämter inne, darunter das der Vizepräsidentin der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld. Für ihr gesellschaftliches und soziales Engagement erhielt die 66-Jährige verschiedene Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande (1998), das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (2009) sowie die Ehrenbürgerschaft der Stadt Espelkamp (2009). SPS/IPC/Drives: Halle 10, Stand 140
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